Verzweifeln ist menschlich

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Emmausjünger

Inhaltsverzeichnis

Im Anfang war das Wort

  • Selig die Verzweifelten, denn sie werden die Wahrheit finden.

Die Krankheit zum Tode ist Verzweiflung

Verzweiflung als Krankheit zum Tode

Die Beschreibung von Verzweiflung als Krankheit zum Tode lässt sich im Sinne Kierkegaards nur verstehen, wenn das Menschsein des Einzelnen christlich verstanden wird, nämlich als ewiges Menschsein.

Der verzweifelte Mensch will sich selbst als von Gott gesetzt aufgeben. Dies ist aber niemals möglich, da Gott dem Menschen immer wieder die Möglichkeit, selbst zu sein, anbietet. Dieses Angebot Gottes weist der verzweifelte Mensch aber immer zurück; darin besteht ja letztlich seine Verzweiflung, dass er nicht sich selbst sein will in der Macht, die ihn setzt. So stürzt sich der Mensch in der Verzweiflung immer wieder in Auflehnung gegen das Angebot Gottes, in jedem Augenblick, da er sich die Verzweiflung zuzieht.

In dem Termini von „Sterben“ und „Tod“ gesprochen, bedeutet dies: Der Mensch, der sich selbst aufgeben will, sucht das Sterben, das körperliche Aufgehen ins Nichts, den Tod. Aber christlich verstanden ist der leibliche Tod Übergang zum Leben; der Mensch kann nicht sterben. Der geistige Tod bzw. der Tod der Sünde besteht dann darin, sterben zu wollen und nicht sterben zu können. Dieser unauflösbare Widerspruch im Verzweifelten zehrt ihn ganz aus, macht ihn sozusagen geistig tot. In diesem Sinne lässt sich Verzweiflung als Krankheit zum Tode verstehen.

Diese Krankheit führt nicht zum Tod

Sören Kierkegaard spricht von der Schwermut, der Krankheit zum Tode als der Sünde, die an der Wurzel aller Sünden steht. Kierkegaard nennt dabei grundsätzlich zwei Möglichkeiten der Verzweiflung: „Sünde ist: dass der Mensch vor Gott verzweifelt nicht er selbst sein will oder dass er vor Gott verzweifelt er selbst sein will.“

Verzweiflung ist die Sünde

Verzweiflung

Vom Umgang mit einem bedrohlichen Affekt

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard wagte um die Mitte des 19. Jahrhunderts die - zumindest auf den ersten Blick - schier unglaubliche Behauptung, kein Mensch lebe oder habe gelebt, ohne daß er verzweifelt gewesen sei. Daher sei es keine Seltenheit, daß jemand verzweifelt, sondern - im Gegenteil - das Seltene, ja sogar das sehr Seltene sei, daß jemand nicht verzweifelt ist. Gemäß dieser Kierkegaardschen Sicht der Dinge hätte man es demnach bei der Verzweiflung nicht nur mit einem weitverbreiteten, sondern einem geradezu allgemeinen Phänomen zu tun. Nicht vereinzelt fände man demzufolge jemanden, der verzweifelt ist, sondern Verzweiflung ließe sich nahezu bei jedem Menschen aufweisen - und sei es, daß er auch nur „etwas“ verzweifelt ist. [...]

Der dergestalt das Reich der Schatten herbeisehnende Mensch ist in der Regel taub für die Stimme der Vernunft. Gegen Vernunftargumente ist der Verzweifelte immun. Jeder Versuch, ihn mit rationalen Überlegungen und Argumenten überzeugen zu wollen, daß möglicherweise doch noch ein Rest Hoffnung besteht, daß ihm doch noch Möglichkeiten offen stehen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Aus der Sicht des Verzweifelten sind das nichts als Einflüsterungen, die ihm nur das wahre Ausmaß der ihn bedrängenden Katastrophe sollen überspielen helfen. Gegen einen Affekt wie die Verzweiflung ist die Vernunft machtlos. Hilflos muß sie mit ansehen, wie all ihre sorgsam aufgebauten und schlüssig aneinandergereihten Argumente eins nach dem anderen zuschanden gehen.

Über Verzweiflung

« Verzweiflung ist Selbstwiderspruch, Selbstzerreißung [das «zwei» in dem Wort hat seinen Sinn]. In der Verzweiflung verneint der Mensch im Grunde seine eigene Sehnsucht, die unzerstörbar ist wie er selbst. »

Hoffnung und Verzweiflung

« In der Verzweiflung wie in der Vermessenheit erstarrt und gefriert das eigentlich Menschliche, das die Hoffnung allein in strömender Gelöstheit zu bewahren vermag. Beide Formen der Hoffnungslosigkeit sind im eigentlichen Sinne unmenschlich und tödlich. »

Hoffnungslosigkeit

« Verzweifeln heißt in die Hölle hinabsteigen. »

Schaff Möglichkeit

Glauben heißt für Kierkegaard, dass für Gott alles möglich ist. Der Kampf um den Glauben ist der Kampf um Möglichkeit. Darum ist der Glaube das „ewig sichere Gegengift“ zur Verzweiflung: auch wenn der Untergang sicher ist, besteht noch Möglichkeit. „Wenn einer ohnmächtig wird, ruft man nach Wasser, Eau de Cologne, Hoffmannstropfen; aber wenn einer verzweifeln will, so heißt es: schaff Möglichkeit.“ Nur für Deterministen ist alles verloren, weil sie an die Notwendigkeit glauben; und für den Spießbürger in seiner Geistlosigkeit gebe es statt der Möglichkeit nur die Wahrscheinlichkeit.

Kummer überwinden, Freude gewinnen

Verzweiflung ist dem, was wir glauben, diametral entgegengesetzt; sie ist eine Verleugnung der Wirklichkeit.

Verzweiflung leugnet, daß es einen Gott gibt, der seine gesamte Schöpfung lenkt, über jedes Wesen wacht und jedem bei dem hilft, was er vollbringen muß ...

Verzweiflung ist die höchste Form der Ich-Anbetung. Sie gründet auf dem Glauben, daß man tatsächlich die Macht habe, das Leben zu verpfuschen, und daß man das Schicksal der Welt seinem Schöpfer aus der Hand nehmen und seine Pläne sabotieren könne.

Unwissenheit ist menschlich

Was ist Hoffnung ?

Die Entwicklung des modernen Hoffnungsbegriffs an ausgewählten Beispielen

Sünde ist Unwissenheit

Sokrates erklärt, wer das Rechte nicht tue, der habe es auch nicht verstanden; das Christentum aber greift ein bisschen weiter zurück und spricht: Das kommt daher, dass er es nicht verstehen will und dies wiederum daher, dass er das Rechte nicht will. Und sodann lehrt es, ein Mensch tue das Unrechte (der eigentliche Trotz), trotzdem er das Rechte verstehe, oder unterlasse es, das Rechte zu tun, trotzdem er das Rechte verstehe; (…)

Christlich verstanden … liegt die Sünde somit im Willen, nicht in der Erkenntnis; und diese Willensverderbnis reicht über das Bewusstsein des Einzelnen hinaus. Dies ist das durchaus Folgerichtige; denn ansonst müsste ja hinsichtlich jedes Einzelnen die Frage sich erheben, wie die Sünde angefangen habe.

Gott ist gnädiger als der Mensch

Der Evangelist Johannes berichtet, Jesus habe beim Verhör durch Pontius Pilatus gesagt: »Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.« Pilatus: »Was ist Wahrheit?« Das nun ist die Frage aller Fragen, und Pilatus war nicht der Erste, der sie gestellt hat. Für Platon war sie zentral, und er beantwortet sie in der Gestalt seines Sokrates, der über die Frage nachdenkt, ob man die Wahrheit lehren kann. Søren Kierkegaard hat das so beschrieben:

»Sofern nun die Wahrheit gelehrt werden soll, muss vorausgesetzt werden, dass sie nicht da ist; indem sie also gelehrt werden soll, wird sie gesucht. Hier begegnen wir nun der Schwierigkeit, auf die Sokrates aufmerksam macht: dass ein Mensch unmöglich suchen kann, was er weiß, und ebenso unmöglich suchen kann, was er nicht weiß; denn was er weiß, kann er nicht suchen, da er es ja weiß, und was er nicht weiß, kann er nicht suchen, da er ja auch nicht weiß, was er suchen soll. Die Schwierigkeit wird von Sokrates durch den Gedanken aufgelöst, dass alles Lernen und Suchen Erinnerung sei, sodass der Unwissende nur eines Hinweises bedürfe, um durch sich selbst sich auf das zu besinnen, was er weiß. Die Wahrheit wird also nicht in ihn hineingebracht, sie war in ihm.«

Verzweiflung ist menschlich

Der Pathologismus unterscheidet nicht zwischen dem schlechthin Menschlichen und dem wirklich Krankhaften. Und die Verzweiflung muß nichts Krankhaftes sein. [...]

So ist denn beispielsweise das Verzweifeln eines Menschen angesichts der Sinnlosigkeit einer Existenz, dieser Sinnzweifel - der letztlich aller Verzweiflung zugrunde liegt - an sich noch lange nichts Pathologisches (dh Krankhaftes). Solche Verzweiflung ist menschlich, aber nicht krankhaft. Zu behaupten, daß ein Mensch, der am Sinn seines Daseins zweifelt, darum auch schon krank sein müsse, wäre ein Pathologismus.

Anm: Der Pathologismus verwechselt das Menschliche mit dem Krankhaften, denn er bezeichnet menschliche Phänomene, wie zB den Zweifel am Sinn des Daseins als krankhaft. Viktor E. Frankl

Nicht einmal jeder [...] ist pathologisch. [...] Es liesse sich zeigen, daß dem einen [...] an Mut, dem anderen an Demut gebricht; aber wenn der eine auch kein Held und der andere kein Heiliger ist, so sind doch beide keine Narren. Sie leiden nicht an einer seelischen Krankheit, sondern geistiger Not: Gewissensnot. Und mag das Gewissen eines [...] auch irren, so ist doch dieses Irren immer noch menschlich.

Theologische Ansätze

Selig die Verzweifelten

Mit ungeheurer Kühnheit verkündigt Jesus die Seligkeit gerade jenen Menschen, denen das glatte Gegenteil von Glück und Seligkeit widerfahren ist. Und zu allererst preist Jesus diejenigen selig, die geistlich arm sind, also jene, die mutlos und verzweifelt sind. Eine irritierende, fast groteske Botschaft: selig die Verzweifelten!? Doch Jesus setzt diese Reihe fort: Auch die Trauernden und Leidtragenden und jene, die wegen ihres Einsatzes für Gerechtigkeit verfolgt werden, preist Jesus selig und glücklich. Verzweiflung und Glück, Trauer und Glück, Verfolgung und Glück – das sind extrem spannungsreiche Paare. Was die Seliggepriesenen erleben und was Jesus ihnen in der Bergpredigt verheißt, steht in scharfem Kontrast zueinander.

Geistlich arm sein – das ist wohl am schwierigsten zu verstehen. Geistlich arm sein, das heißt Verzweiflung spüren, weil im Leben alles anders läuft als man es sich gewünscht hat: Verzweiflung über eine zerbrochene Beziehung, in die man so viel Hoffnung gesetzt hat, Verzweiflung, weil man krank geworden ist und die Schmerzen und die Angst kaum mehr ertragen kann. Geistlich arm sein, das heißt mutlos sein, weil die eigenen Kinder gerade die Wege gehen, vor denen man sie schützen und bewahren wollte. Geistlich arm sein, bedeutet mutlos sein, weil einem die Noten in der Schule das Versagen und Scheitern mit aller Härte und Brutalität ins Zeugnis schreiben; mutlos sein, weil keine Aussicht auf einen Ausbildungsplatz oder auf eine neue Arbeitsstelle besteht und weil man nicht weiß, wie man seine Tage füllen und sein Leben gestalten soll. All denen, die mutlos und verzweifelt sind, sagt Jesus: Selig seid ihr, Euch gehört das Himmelreich!

Die Seligpreisungen Jesu sind voll scharfer Kontraste – gerade das macht ihren Reiz, ihre Bedeutung, ihre große Kühnheit aus. Die Seligpreisungen Jesu stellen unseren Erfahrungen und unserer oft genug trostlosen Sicht der Welt die Perspektive Gottes, die Perspektive des Himmels gegenüber. Aus dem Blickwinkel Gottes und seiner Liebe tauchen die Erfahrungen der Verzweifelten, der Trauernden und der Verfolgten in ein neues Licht. Wer sich selbst als armselig und mutlos erlebt, wird zum Bürger von Gottes Reich erklärt. Den Trauernden wird der Trost Gottes und den Verfolgten die Zugehörigkeit zu Gottes neuer Welt zugesagt. Und auch die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit Hungernden, die Barmherzigen, diejenigen, die reinen Herzens sind, und die Friedensstifter werden von Jesus ausgezeichnet und selig gepriesen. Sie sind wahrhaft Kinder Gottes, ihr Hunger soll gestillt werden, sie werden selbst Barmherzigkeit erlangen und Gottes Herrlichkeit schauen.

Auch für die Menschen um Jesus standen ihre Erfahrungen und die Seligpreisungen Jesu in scharfem Gegensatz. Dass sie dennoch auf Jesus gehört haben und ihm nachfolgten, liegt daran, dass Jesus nicht nur über Gottes neue Welt und die Seligkeit des Himmels geredet hat. Jesus stand selbst in seinem Tun für diese neue Welt Gottes ein. Die biblischen Erzählungen machen deutlich: Was Jesus in den Seligpreisungen verkündet hat, meint er ernst. Mit der Tat und am Ende sogar mit seinem Leben setzt sich Jesus dafür ein, dass Trauernde und Verzweifelte getröstet und aufgerichtet werden, dass Kranke geheilt und Ausgestoßene aufgenommen werden, dass Verfolgte Schutz finden und Barmherzigen Barmherzigkeit wiederfährt. Jesu steht mit der Tat und mit seinem Leben für die Wahrheit der Seligpreisungen ein. Er stellt sich damit gegen all unsere Erfahrungen von Trost- und Mutlosigkeit, gegen alle Verzweiflung und Enttäuschung.

Aber, so kann man fragen, was wäre diese Welt ohne die Verheißung der Seligpreisungen Jesu? Was wäre das für eine Welt, in der die Trauer und das Leid, die Mutlosigkeit und die Verzweiflung unwidersprochen hingenommen würden? Was wäre diese Welt ohne die Sphäre des Himmels mit seiner anderen Wirklichkeit und seiner anderen Perspektive? Wie elend wären wir dran, wenn nur das gälte, was auf der Hand liegt und wir nichts von der Sicht Gottes auf unser Leben wüssten, nichts davon, dass wir als Menschen noch eine andere Heimat haben, zu der wir gehören und die uns mit ihren guten Mächten auch dann umfängt, wenn wir allen Trost vermissen?

Was wäre schließlich diese Welt ohne all jene Menschen, die Jesus nachfolgen und die, fasziniert von seiner Botschaft, angesteckt von seinem Geist, das Gerechte tun, den Frieden fördern, Kranke heilen, Trauernde trösten, Verzweifelten weiterhelfen und Barmherzigkeit üben? Der Glaube im Sinne der Seligpreisungen Jesu ist nicht nur ein Glaube gegen die faktischen Verhältnisse in der Welt. Dieser Glaube ist auch ein tätiger Glaube, ein Glaube, der das zur Wirklichkeit macht, was Jesus verheißen hat. Trotz aller Rückschläge, trotz mancher Zweifel und trotz der Haltung vieler, dass es ja doch nichts bringt, wenn man sich für große Ziele einsetzt, bauen Menschen in der Nachfolge Jesu und ergriffen vom Mut seiner Seligpreisungen mit an Gottes neuer Welt.

Die Kraft, die sie dabei beflügelt, ist die Kraft von Ostern, die der niederschmetternden Erfahrung des Kreuzes widerspricht. Die Botschaft, dass der gedemütigte und geschlagene, dass der unschuldig verurteilte und gekreuzigte Jesus nicht im Tode blieb, sondern von Gott auferweckt wurde, setzt dem „Nein!“ des Karfreitags das „Ja!“ Gottes entgegen. Die Niederlage Jesu ist nicht endgültig. Der Triumph des Todes und der Hölle hat keinen Bestand. Gottes gute Mächte sind stärker als der Tod, Gottes neue Welt kommt zu den Menschen allem Elend, aller Not und aller Verzweiflung zum Trotz. Der Himmel, der sich am Karfreitag beim Tode Jesu verfinsterte, meldet sich an Ostern mit seinem Licht und mit neuer Klarheit zurück. Gott stellt sich auf die Seite Jesu und bestätigt, was Jesus auf dem Berg verkündigt hat: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Hoffnung und Verzweiflung als Alternativen

[...] Auch ich selbst sehe in der Wirklichkeit unserer Zeit so viele Gründe für die Verzweiflung, dass ich Sie sehr gut verstehen kann. Sie haben Recht, Verzweiflung kann ein Ausdruck unseres Menschseins sein, ist in Tat und Wahrheit viel menschlicher als der schnelle Schritt in eine Welt, in der Gott die entscheidende Rolle spielt.

Ich kann darum auch verstehen, dass Sie es als eine Zumutung empfinden, wenn Kierkegaard von seinem Standpunkt aus von „Sünde“ spricht. Ich könnte darum einem verzweifelnden Menschen nie sagen, dass er in der Sünde lebt. So zu sprechen würde ja der Verzweiflung noch eine zusätzliche Last aufbürden.

Kierkegaard spricht in einem objektiven Sinn von der Sünde der Verzweiflung. Für den, der an Gott glaubt und mit ihm rechnet, ist die Verzweiflung Sünde. Denn der Glaubende, sagt Kierkegaard, kann nicht verzweifeln, weil er selbst in der Situation, die objektiv in die Verzweiflung führen könnte, immer noch mit Gott rechnet. Im größten Schrei, in der tiefsten Tragik, in der äußersten Gottverlassenheit (Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“), in der äußersten Finsternis, in aller Absurditätserfahrung kann sich der Glaubende immer noch in die Hand Gottes geben und eine Antwort auf seinen fragenden Schrei erhoffen.

So verstanden stehen sich Hoffnung und Verzweiflung tatsächlich als Alternativen gegenüber. Aber ob man die Verzweiflung deshalb schon „Sünde“ nennen soll, ist eine andere Frage. Denn zur Sünde braucht es Freiheit und eine bewusste Entscheidung gegen Gott. Und das ist doch wohl bei einer Verzweiflung nicht gegeben. [...]

  • der Verfasser ist katholischer Ordensmann

Verzweifeln ist eine menschliche Haltung

Pater ........... hat mir Ihre Frage weitergegeben, und ich versuche, eine Antwort zu finden. Ich kenne zwar das Werk von Kierkegaard zu wenig, um wirklich kompetente Antwort geben zu können.

Die Aussage Kierkegaards „Verzweiflung ist die Sünde“ ist im Zusammenhang mit seiner Erziehung und seiner religiösen Entwicklung zu sehen. Kierkegaards Vater war von seiner Anlage her schwermütig und er litt unter der Überzeugung, dass er „die Sünde gegen den heiligen Geist“ begangen habe. Dieser Ausdruck kommt ja in der Bibel vor und meint wahrscheinlich en bewusste und gewollte Ablehnung Gottes und seiner Gnade. Von dieser Sünde heisste es, sie werde nicht vergeben, was ja bedeutet, dass diese gewollte und bewusste Abwendung von Gott eben so gilt, wie der betreffende Mensch es wünscht.

Ich vermute, dass Kierkegaard durch diese Belastung seines Vaters zu seinem Begriff der Verzweiflung gekommen ist. Er meint wohl nicht die Verzweiflung in dem Sinn, wie Sie richtig sagen, dass es eine menschliche Erfahrung ist. Verzweiflung ist für Kierkegaard offenbar eine so tiefe Überzeugung eines Menschen alle Möglichkeit auf Rettung verloren zu haben, dass er auch von Gott keine Rettung mehr erwartet.

Ich entnehme meine Deutung einer Stelle, die in den Quellen steht, die Sie angeben. Dort heisst es:

„Der verzweifelte Mensch will sich selbst als von Gott gesetzt aufgeben. Dies ist aber niemals möglich, da Gott dem Menschen immer wieder die Möglichkeit, selbst zu sein, anbietet. Dieses Angebot Gottes weist der verzweifelte Mensch aber immer zurück; darin besteht ja letztlich seine Verzweiflung, dass er nicht sich selbst sein will in der Macht, die ihn setzt. So stürzt sich der Mensch in der Verzweiflung immer wieder in Auflehnung gegen das Angebot Gottes, in jedem Augenblick, da er sich die Verzweiflung zuzieht“.

Verzweiflung ist nach dieser Stelle die Haltung eines Menschen, der aufgibt, daran zu glauben, dass er von Gott gewollt ist.

Ob eine Verzweiflung so stark sein kann, dass ein Mensch bewusst leugnet, von Gott gewollt zu sein, können wir ja nie nachprüfen. Darum hat auch die Kirche nie von einem Menschen gesagt, dass er in der Hölle sein, das heisst, dass er auf ewig von Gott verdammt sei.

Die Aussage Kierkegaards ist die Konsequenz seines philosophischen Denkens, darf aber nicht als theologische Wahrheit genommen werden, die jemals über einen verzweifelten Menschen ausgesagt werden darf.

Dieses Wenige kann ich sagen und Ihrer Aussage zustimmen, dass Verzweifeln eine menschliche Haltung ist, deren theologischen Sinn wir nicht als sündig oder nicht-sündig beurteilen können.

  • der Verfasser ist katholischer Ordensmann

Sonstiges

Auf den Gipfeln der Verzweiflung

Es ist nicht das Seltene, daß einer verzweifelt ist nein, das ist das Seltene, das sehr Seltene, daß einer in Wahrheit es nicht ist." Selten hat der gesunde Menschenverstand etwas Abwegigeres als diese Behauptung gehört.

Begegnung mit dem Einen

Die Welt ist ein Labyrinth voller Irrungen, voll vergeblicher Mühe und voller Enttäuschungen, denn wir kennen das Nötige nicht, weil wir unsere Mühe auf die Erreichung des Unnötigen verwenden, und die Vielgeschäftigkeit, in die das Verlangen nach Neuem uns treibt und verwickelt, ist unser Verderben. Gott ruft uns zur Begegnung mit dem Einen, der gekommen ist, damit wir das Leben und volle Genüge haben.

Die Emmausjünger

Zweifel gehören zu den härtesten und drückendsten Nöten im Menschenleben. Zweifel bilden nicht selten die Ursache unglücklicher Kurzschlüsse, die höchst verhängnisvoll werden können. Zweifel erzeugen das Gefühl von Niedergeschlagenheit, fördern dumme Vorurteile und Misstrauen und können mit Lähmungserscheinungen enden, die den Menschen unfähig machen, überhaupt noch mit dem Leben zurecht zu kommen. [...]

Vom Sinn der Schwermut

Die Schwermut ist etwas zu Schmerzliches, und sie reicht zu tief in die Wurzeln unseres menschlichen Daseins hinab, als daß wir sie den Psychiatern überlassen dürften. (S7)

Hier vor allem liegt das Rätselhafte der Schwermut: wie Leben sich gegen sich selber kehrt; wie die Antriebe der Selbsterhaltung, Selbstachtung, Selbstförderung durch den der Selbstaufhebung so eigentümlich durchkreuzt, unsicher gemacht, entwurzelt werden können. Man möchte sagen, im Wesensbild der Schwermut stehe der Untergang als ein positiver Wert; als etwas Ersehntes, Gewolltes. Eine Tendenz wirkt sich darin aus, dem eigenen Leben die Daseinsmöglichkeit zu nehmen; die tragenden Stützen zu erschüttern; die das eigene Leben rechtfertigenden Werte in Frage zu stellen – um so in eine Geistesverfassung einzumünden, die keine Rechtfertigung des eigenen Daseins mehr sieht, sich im Leeren und Sinnlosen empfindet: in die Verzweiflung. (S33)

Eben diese Schwermut, welche die Dinge entwertet, Gestalten und Geltungen aushöhlt; die alles wesenlos macht und sich so in die Leere und den Überdruß treibt; die Wertstützen des eigenen Daseins wegbricht und sich so in die Sinnlosigkeit der Verzweiflung drängt – diese gleiche Schwermut ist es, aus welcher das Dionysische bricht. Der schwermütige Mensch hat wohl die tiefste Beziehung zur Fülle des Daseins. Ihm leuchtet heller die Farbigkeit der Welt; ihm tönt inniger die Süßigkeit des inneren Klanges. Er spürt ganz ans Lebendige die Gewalt ihrer Gestalten. Der Schwermütige ist es, aus dessen Wesen das Übermaß der Lebensflut bricht und der die Unbändigkeit alles Daseins zu erfährt. (S43)

Erst im Kreuz Christi liegt die Lösung für die Not der Schwermut. Darüber kann hier nicht mehr gesprochen werden - wie mir denn jetzt, am Ende, sehr zu Bewußtsein kommt, wie unvollkommen und bruchstückhaft alles ist, was gesagt wurde. Aber es mag stehenbleiben, weil ich Besseres noch nicht zu sagen weiß, und ich glaube, daß es wohltätig ist, wenn diese Dinge auch nur angeprochen werden. (S57)

Zwischen Hoffnung und Angst

Man strebt schließlich unverdrossen nach einer vollkommeneren Ordnung im irdischen Bereich, aber das geistliche Wachstum hält damit nicht gleichen Schritt. Betroffen von einer so komplexen Situation, tun sich viele unserer Zeitgenossen schwer, die ewigen Werte recht zu erkennen und mit dem Neuen, das aufkommt, zu einer richtigen Synthese zu bringen; so sind sie, zwischen Hoffnung und Angst hin und her getrieben, durch die Frage nach dem heutigen Lauf der Dinge zutiefst beunruhigt. Dieser verlangt eine Antwort vom Menschen. Ja er zwingt ihn dazu.

Der Begriff Angst

Angst hat die Tendenz, zur Verzweiflung zu treiben. Während sich mit dem Zweifel an diesem oder jenem gut leben lässt, gerät in der Verzweiflung der Grund des Seins ins Wanken; alles droht, ins Bodenlose zu versinken. Angst ist abgründig und steht in Gefahr, sich selbst zu verfallen. Verbindet sich mit Skepsis nicht selten das Gefühl souveräner Überlegenheit insbesondere dort, wo sie akademisch gepflegt wird, vergeht im Falle verzweifelter Angst jede Form von Souveränität, und mit dem Sinn der Bejahung schwindet zugleich derjenige zweifelnder Verneinung dahin. Ob ja oder nein, ob Affirmation oder Negation: in der Angst und in der Verzweiflung kollabieren alle denkbaren Alternativen, um im Sog nihilistischer Sinnlosigkeit unterzugehen.

[...} Wer Angst hat, der fliehe daher schleunigst in die ausgebreiteten Arme des auferstandenen Gekreuzigten, welcher spricht: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33)

Menschliches Reifen

... in psychologischer und religiöser Sicht

An der Schwelle des Durchbruchs zum Wesen steht die Fähigkeit, das Inkommensurable, sei es das Leben Vernichtende, das Sinnwidrige oder die radikale Verlassenheit annehmen zu können. Man muß erst das natürliche Streben nach Sicherheit, Gerechtigkeit und Gemeinschaft in dieser Welt als ein Vorletztes erkennen, ehe man bereit sein kann für Erfahrungen, in denen das Letzte sich ankündet. Der wahrhaft im christlichen Glauben stehende Mensch, der das « Dein Wille geschehe » nicht nur hersagt, sondern von innen her zu leben vermag, hat es. Aber der aus dem Glauben Gefallene – und mit ihm hat es der Arzt wie der Seelsorger unserer Zeit ja vor allem zu tun – hat solche Fähigkeit oder Bereitschaft erst einmal nicht. So bringt ihm in der Regel erst die wirkliche Nähe des Todes, den er annimmt, die totale Verzweiflung am Unsinn und an der Ungerechtigkeit dieser Welt – eine Verzweiflung, in der seine Empörung vergeht – und die totale Verlassenheit, wenn er sich endlich dreingibt, die Möglichkeit zu jener grundstürzenden und zugleich aufschließenden Erfahrung, in der ihm das Leben jenseits des Todes, der Sinn im Unsinn und die Einheit des Grundes im Abgetrenntsein von allem aufgeht. Aber ist es nicht eigentlich eine Anklage gegen die geistliche Führung und Erziehung des westlichen Menschen, daß Schicksalsschläge ihn aus dem Glauben zu werfen vermögen, wie umgekehrt, daß es erst des Keulenschlages bedarf, um ihm das überraumzeitliche Sein in ihm selbst aufzuschließen? Das ist der Punkt, zu dem wir etwas vom Osten zu lernen haben, etwas, das keineswegs der Sache nach östlich ist, sondern allgemein menschlich: die uns Menschen gegebene und auf gegebene Möglichkeit, jene Frömmigkeit zu entwickeln, die Ausdruck ist der erfahrenen Zugehörigkeit zu einer tieferen Wirklichkeit, als es die ist, in der wir in den Ordnungen von Verstand und Vernunft stehen. Auch wir können hellhörig werden für das, was sich in unserem eigenen Erleben als das Wesen im Ich/Selbst, als das Sein im Dasein, als das größere Leben im kleineren Leben kundtut und uns in ein Neuwerden von Grund auf hineinruft.

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